Unser Leben - eine Durchreise

"Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort" - Es zählt wohl zu einem der bekanntesten Volksliedern. Wenn man diese Zeilen eines Reisenden aufs Leben bezieht, ist das so. "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" heißt es im Lied von Michael Franck aus dem Jahr 1652 (EG 528).

 

Es irrt, wer meint, alles könne immer so bleiben, wie es ist. Das Einzige, was bleibt, ist der Wandel. Auch was Gesundheit und Krankheit betrifft. Gestern noch "dort", im Licht des Alltags, in dem, was wir oft "normal" nennen - und heute schon "hier", in der Klinik, weg vom Vertrauten, in schwierigem Gelände. Das macht, neben allen Hoffnungen, dass es "wieder wird", auch Angst. Vielleicht wird es ja nicht wieder? Wer weiß, was die hier noch herausfinden. Und dann?

 

In den Liedern heißt es auch: "Manchmal träume ich schwer." Dann ergreifen mich die durchgängig traurigen Zeilen des alten Kirchenliedes, in denen die Vergänglichkeit allen Daseins beschworen wird.
Und dann kommt, in den schweren Träumen, die Frage: "Wozu war das alles gut?" Und auch: "Hab' ich auf das gesetzt, was wirklich wichtig ist?" Na ja - so gesehen, ist Krankheit oft auch eine hilfreiche Unterbrechung. Du bekommst ein Gespür dafür, was wirklich zählt im Leben. Und das sind eigentlich die sogenannten kleinen Dinge. Der Augenblick. All die kostbaren, "kleinen" Momente, die du auf der Durchreise erleben kannst. "Wenn ich wieder gesund werde", höre ich oft bei Besuchen, "dann wird mir das alles viel wichtiger sein als die vermeintlich großen Ziele im Leben. Dann werde ich innehalten und den Moment genießen."

 

Das wird den Schmerz, dass alles so schnell vergeht, nicht wegwischen, ihm aber eine Perspektive schenken.

Was von uns bleibt, das ist nicht Kleid, Glanz, Ruhm, sondern die Summe der gelebten und geliebten Augenblicke. Das durchaus bedrückende Lied von Michael Franck hat einen überraschend optimistischen Schluss: "Wer Gott fürcht', wird ewig stehen." Also gibt es doch etwas Unvergängliches!? In uns und für uns? Etwas, das bleibt?

Ja, ich glaube, es sind diese Augenblicke, wo wir wirklich da waren, wach, erfüllt von Staunen, dankbar trotz allem. Diese kostbaren Momente, wo das Leben uns ergreift - oder in der Sprache des Glaubens ausgedrückt: Wo wir Gottes Gegenwart spüren.

 

Ich möchte Sie ermutigen und einladen, diese Augenblicke, manchmal auch nur kurze Augenblicke, schon jetzt ganz wahrzunehmen. Also seien und bleiben Sie wachsam!

 

Ihre Pfarrerin Ann-Kathrin Peters